Hundert Haustüren in der Stunde – (k)ein Spaziergang durch den Ahlener Norden
Es ist der Wahlkreis von Peter Lehmann, dem Vorsitzenden des CDU-Stadtverbandes. 44,2 Prozent hat dessen Partei hier bei der letzten Kommunalwahl 2014 geholt, die FDP 7,3 Prozent. Das wäre die absolute Mehrheit, würde Berger am nächsten Sonntag genauso viele Stimmen bekommen. Doch er weiß: Einfach wird es nicht für ihn als „Newcomer“ in der Kommunalpolitik. Darum will er möglichst viele Menschen persönlich ansprechen, um sich bekannt zu machen, und nicht alle erreicht man bei Veranstaltungen und mit Infoständen.
Mit von der Partie sind an diesem Freitagnachmittag außer Peter Lehmann noch dessen Frau Tanja, Klaus Vorbrink und Bergers jüngerer Bruder Sebastian, der wie die ganze Familie „den Alex“ im Wahlkampf aktiv unterstützt. „Bei uns zu Hause“, erzählt Berger schmunzelnd, „ist das wie im Straflager. Beim Fernsehen müssen alle kleben.“ Heißt: Kugelschreiber, Gummibärchentüten, Flaschenöffner und andere „Give-aways“, teilweise aus CDU-Beständen, mit dem Abziehbild des Ehemanns und Papas und seinem Slogan „Ahlen zuerst“ zu versehen. Für heute müsste der Vorrat reichen, mehr passt auch in die Umhängetaschen, die die „Klingelmäuschen“ noch mal auffüllen, bevor sie ausschwärmen, nicht rein.
An der Einmündung Julius-Abeler-Straße und Dahlkeweg teilt sich der Trupp auf, Tanja Lehmann läuft mit Dr. Berger. Sie legt einen flotten Schritt vor. Ein gemütlicher Spaziergang soll das schließlich nicht werden. „Wenn man stramm geht, schafft man in der Stunde etwa hundert Haustüren“, weiß Berger inzwischen aus Erfahrung. Das sei schon ein sportliches Pensum. Wobei: „Wir schellen nicht überall.“ Mit der Zeit bekomme man einen Blick dafür, wo es sich lohnen, wo sich vielleicht ein kurzes Gespräch anbahnen lassen könnte. Was heute im ersten Anlauf nicht so recht gelingt. Berger geht auf einen Anwohner zu, der gerade den Zuweg zu seinem Grundstück neu pflastert, und stellt sich höflich vor: „Guten Tag, mein Name ist Alexander Berger. Ich möchte Bürgermeister werden.“ Der Mann blickt kurz auf und knurrt: „Ihr kommt immer so spät! Acht Jahre lässt sich keiner sehen.“ Acht Jahre? Das könne eigentlich nicht sein, sagt Tanja Lehmann, „wir sind bestimmt zwischendurch auch mal da gewesen.“ Berger zuckt mit den Schultern: „Vorführeffekt. Weil die Presse dabei ist . . .“ Solch eine Reaktion sei die Ausnahme.
Beim zweiten Versuch läuft es schon besser. Auch wenn die alte Dame erst mal mit ihrem Rollator in den Garten flüchtet, nimmt sie dann doch die Kandidatenbroschüre von dem Fremden, dessen Gesicht sie bisher nur aus der Zeitung kannte, an. Sie werde ihm „die Daumen drücken“. Das genügt nicht. „Machen Sie auch das richtige Kreuzchen“, bittet Berger die Seniorin und wünscht „noch einen schönen Tag“.
Fragen oder Anregungen? Die hat der nächste Anwohner, der an der Paul-Lincke-Straße die Tür öffnet, „im Moment eigentlich nicht“. Aber über die Sache mit dem Bürgerentscheid zu den Straßennamen, so Georg Musch, habe er sich „maßlos geärgert“. Er findet: „Das Geld hätte man besser ausgeben können.“ Schon nach der Unterschriftenaktion hätten sich die Politiker doch „an drei Fingern abzählen können, dass sie damit auf die Nase fallen.“ Berger erklärt: „Genau das wollen wir ändern, dass über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden wird.“
Schräg gegenüber saugt ein Nachbar sein Auto aus. Den Prospekt hat Tanja Lehmann ihm schon zugesteckt. Als er Berger auf sich zukommen sieht, ruft er ihm entgegen: „Sie wollen also der Chef werden? Was wollen Sie als Erstes machen, das Rathaus abreißen?“ Der Endfünfziger lacht, hier muss kein Eis mehr gebrochen werden.
Auch nicht bei Roland Kostros. Der hat am Vorabend seine Mutter zur Diskussionsrunde der kfd St. Elisabeth mit Berger gefahren – und ist aus Interesse einfach mit da geblieben, als einziger Mann. „War eine schöne Veranstaltung.“ Ob die Besucher nicht hereinkommen möchten. Alexander Berger lehnt dankend ab: „Wir müssen leider weiter.“
Bernd Mehring lässt keine Ausreden gelten. „Ihr müsst doch mal ne Pause machen.“ Der ehemalige Aufsichtsratsboss von Rot-Weiß Ahlen schiebt Berger und Tanja Lehmann gleich durch die Diele nach draußen auf die Terrasse, Ehefrau Marlies kocht schnell einen Kaffee. Mehring hat schon gewählt und bekennt sich offen dazu, wen. „Ahlen braucht einen Bürgermeister, der die Stadt kennt, der weiß, wie die Netzwerke funktionieren.“ Und das sei bei Alexander Berger als gebürtigem Ahlener gegeben. Er hoffe, auf dessen Sieg am Wahlabend mit seinen Kumpels auf Mallorca anstoßen zu können. „Die Runde geht dann aber auf mich“, verspricht der Kandidat, der sich auf einmal selbst umschmeichelt fühlt.
Bergers Fazit nach zwei Stunden Haustürwerbung in eigener Sache: „Es sind gar nicht mal die großen politischen Themen, die die Menschen ansprechen. Viele kleine Sachen. Dass die Grünflächen nicht gepflegt sind. Dass man keine Rückmeldung bekommt, wenn man bei der Stadt anruft. Die meisten fühlen sich wohl in Ahlen.“ Gibt ja auch schöne Ecken. (Quelle:Ahlener Zeitung)